Kann Ralf Österreich?

Jetzt haben wir ihn, den Wunderwuzzi, der mit der österreichischen Nationalmannschaft die nächste Teilnahme an einem Großevent erkämpfen soll. Leicht ist die Aufgabe nicht, denn es beginnt auf dem Weltranglistenplatz 34 (Platz 18 in der UEFA), gegen Kroatien (A), Dänemark (H), Frankreich (H), Dänemark (A), Frankreich (A), Kroatien (H).

Von Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0

Illusionen

Die Funktionäre, die über die Trainerbestellung entscheiden, unterliegen oft der Illusion, dass ein Meistertitel das Werk eines tüchtigen Trainers sei. So war es bei der Bestellung von Josef Hickersberger zum Bundestrainer, so war es bei der Bestellung von Damir Canadi zum Rapid-Trainer, und es scheint, als wäre es bei Ralf Rangnick nicht viel anders. So als könnte man mit der Verpflichtung eines Trainers auch dessen Erfolg erben.

Man übersieht dabei leicht, dass der Erfolg gleichzeitig auch ein Erfolg des Vereins und der Mannschaft, mit einer bestimmten Konstellation guter Spieler, die einen solchen Titel ermöglicht haben oder mit dem verfügbaren Kapital zusammenhängt oder einfach auch nur rein zufällig ist.

Bei Josef Hickersberger waren es Steffen Hofmann und Andi Ivanschitz, die Rapid den Meistertitel sicherten. Ja, es war auch die väterliche Hand von Hicke, aber die allein hätte nicht gereicht, wären da nicht auch die geeigneten Spieler gewesen. Hicke konnte auch seinen Erfolg als Rapid-Trainer beim Nationalteam nicht fortsetzen. Erinnern wir uns, es ist ihm auch der Mittelstürmer Marc Janko nicht zur Verfügung gestanden, und ohne den Torgarant wird das Siegen schwer.

Ähnliches wiederholte sich mit Peter Pacult, dessen Meistertitel auf das Stürmerduo Stefan Maierhofer und Jimmy Hoffer aufgebaut war. Das nachfolgende Engagement bei RB Leipzig war denn auch nicht erfolgreich und nur von kurzer Dauer.

Im Falle von Damit Canadi – übrigens ein bekennender Leugner des Zufalls – war dieser selbst davon überzeugt, dass es sein eigenes Spielsystem gewesen wäre, dass Altach seinerzeit einen Höhenflug beschert hat, und daher wandte er das System ziemlich stur auch bei Rapid an – mit dem bekannten Ergebnis.

Folgt man Spielern und auch Trainern von Salzburg in Interviews, dann wäre es ihr überragender Einsatz, ihr überragender Siegeswille, die sie zum Meistertitel treiben – auch so eine Illusion. Als Außenstehender kann man den Eindruck gewinnen, dass man in Salzburg alles richtig macht und dass Ralf Rangnick dieser Zampano war, der die Serie der Meistertitel begründet hat.

Man übersieht dabei, dass man in Salzburg – unterstützt durch das nötige Kleingeld – eine Einkaufspolitik betreiben kann, die eine Überlegenheit schafft, wie sie in keiner anderen Liga anzutreffen ist. Das – und nicht die Qualifikation des Trainers – ist es, das Salzburg zum Serienmeister macht. Aber dieses Erfolgsrezept ist auf der Ebene der Nationalmannschaft nicht anwendbar.

Als Bundestrainer ist er in einer Situation der beschränkten Ressourcen angelangt. Er wird jetzt erfahren, was es heißt – wie einer der sonstigen Trainer der Bundesliga – aus einem Topf von vorhandenem „Spielermaterial“ auswählen zu müssen. Aus ist es mit dem Ankauf millionenschwerer Talente, die Meistertitel am laufenden Band garantieren.

Der heutige ÖFB unterliegt derselben Illusion wie früher Friedrich Stickler und auch Michael Krammer bei Rapid. Der Erfolg ist das Resultat bestimmter Rahmenbedingungen, die man nicht kopiert, wenn man nur den dort erfolgreichen Trainer holt – oft auch nur reiner Zufall.

Halbtagsjob?

Der ÖFB zieht einen Halbtags-Deutschen einem österreichischen Kandidaten vor; viel Vertrauen dürfte man in die eigene Schule nicht haben.

Eigentlich ist es ein Rückschritt für Ralf Rangnick, wenn der Fußballprofessor sich als ÖFB-Trainer mit 1,5 Millionen pro Jahr zufriedengeben muss; hatte er doch in seiner Zeit als Leipzig-Trainer 2,5 Millionen Jahresgehalt. In England wird noch besser bezahlt. Unter dem Titel „Soviel casht Rangnick“ berichtet Sport24, dass Ralf Rangnick derzeit für ein halbes Jahr bei Manchester United 9 Millionen Euro kassiert.

Um einer Verarmung des neuen Cheftrainers zu begegnen, stimmte der ÖFB einer Zweitbeschäftigung als Berater bei Manchester United zu; offenbar hätte man den Fußballguru sonst nicht verpflichten können.

Es wundert mich, dass der ÖFB für seinen wichtigsten Posten, den des Bundestrainers, eine Halbtagsbetreuung als ausreichend ansieht. Ähnlich problematisch sieht es Gary Neville aus der Sicht von Manchester.

Wie wenig Idealismus bringt jemand mit, dem die 1,5 Millionen für den Bundestrainer nicht genügen; wie wenig Vertrauen in die österreichischen Alternativen hat der ÖFB, der dem vermeintlichen Heilsbringer eine Zweitbeschäftigung zugesteht.

Wie kann jemand, der dem Geld folgt, von seinen Spielern verlangen, dass sie dem Ideal folgen sollen?

Motivation

Wer das lustlose Spiel von Rapid gegen Klagenfurt gesehen hat, weiß, dass Motivation viel ausmacht. Egal, mit welchen finanziellen Lockangeboten Vereine die Spieler zu motivieren versuchen, wenn diese nicht wollen, dann nutzt alles nichts.

Des Legionärs Motivation ist der Sold. Nicht immer, aber oft. Wir Rapidler mussten das bei verschiedenen Transfers leidvoll erfahren, sei es bei Taxi Fountas oder Leo Greiml, wahrscheinlich auch bei Filip Stojković.

Aber der Sold ist es nicht, mit dem man Spieler im Nationalteam motivieren kann.

Musiker werden durch einen Amadeus-Award, Schauspieler und Journalisten durch eine Romy und Fußballspieler durch eine Nominierung ins Nationalteam geadelt. Die Frage ist, ob unsere Kicker diese Nominierung als das empfinden, was es ist und stolz darauf sind. Die spontanen Verletzungen von Marcel Sabitzer und anderen Stars rund um Spieltermine der Nationalmannschaft lassen Zweifel ob der Motivationslage aufkommen.

Die Aufgabe des ÖFB und des Bundestrainers müsste es sein, die Romy oder den Amadeus für Fußballspieler, die Nominierung ins Nationalteam begehrenswert zu machen, die Spieler zu Nationalhelden zu stilisieren, etwas zu sein, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Nach meiner Ansicht hatten wir in der jüngeren Fußballgeschichte nur zwei solcher Trainer, die das glaubhaft vermitteln konnten: Herbert Prohaska und Hans Krankl.

Ralf Rangnick hatte Erfolg, als er mit dem Einsatz von viel Geld ein überlegenes Team formen konnte. Nur steht ihm das bei der Nationalmannschaft nicht zur Verfügung, dort wären Idealismus und Nationalstolz gefragt. Aber wie soll ein Manager, seinen Spielern Idealismus vermitteln, wenn er selbst diesen Idealismus nicht lebt, weil er schon am Sprung zur nächsten Sitzung nach Manchester unterwegs ist?

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