Nachlese „Ganz Wien“

Nach einer zweijährigen Pause veranstaltete ballesterer gemeinsam den Büchereien Wien, Tipp3 und Fairplay im Format 2×11 wieder eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Ganz Wien“. Es ging um die Frage, welche Rolle Wien im österreichischen Fußball (noch) spielt.

Diskussionsteilnehmer

vlnr.: Wolfgang Raml (Wiener Sport-Club)
Nina Burger (First Vienna FC)
Jakob Rosenberg (ballesterer, Moderator)
Steffen Hofmann (SK Rapid)
Sabine Eder (USC Landhaus)
Christian Kirchengast (Floridsdorfer AC)

Die ebenfalls eingeladenen Herbert Prohaska und Andi Ogris haben nicht teilgenommen.

Stellenwert

Steffen Hofmann verwies auf die unterschiedliche Wertigkeit von Fußball in verschiedenen Ländern. Während bei Besuchen bei seiner Familie in Deutschland Fußball ein dominantes Gesprächsthema ist – und das, obwohl seine Heimatgemeinde in einer untergeordneten Liga spielt – ist das in Österreich viel weniger der Fall, und zwischen Dezember und März übernimmt hierzulande überhaupt der Wintersport das Kommando. Und mit dieser viel größeren Öffentlichkeitswirkung von Fußball in Deutschland resultiert auch eine größere Werbewirkung, mehr Zuschauer usw., ganz abgesehen von den ohnehin viel üppigeren Fernsehgeldern.

Goldene Zeiten

In den ersten Jahrzehnten fand Fußball in der obersten Spielklasse in Österreich ausschließlich in Wien statt. Erst in den 1960er Jahren gelang es dem LASK als ersten Bundesländerverein einen Meistertitel zu erringen.

In diesen Jahren gab es mit Rapid, Austria, Admira, Vienna, Sportklub, Simmering, Wacker, FC Wien, FAC und anderen eine große Wiener Dominanz, die aber zunehmend abnahm. Dass zuletzt nur mehr zwei Wiener Vereine in der höchsten Spielklasse verblieben sind, hat auch mit der Reduktion der Zahl der Mannschaften in der Liga zu tun.

Man müsse bedenken – beantworten die Profis am Podium Fragen aus dem Publikum, dass der Fußball seit den immer wieder zitieren „Goldenen Zeiten“ des Wiener Fußballs, also in den 1950er und 1960er Jahren einen großen Wandel erfahren hat. Hatte man die Mannschaft zur Belohnung seinerzeit noch auf Kosten des Vereins zum Heurigen geladen, funktioniert das heutzutage bestenfalls in den unteren Ligen.

Durch die Verdienstmöglichkeiten in den großen Ligen hat der moderne Fußball die Tugend der Vereinstreue verloren. Steffen Hofmann wird gerne als der „letzte Wiener Fußballer“ bezeichnet, weil er eine vergessene Generation von Fußballern verkörpert, die ihre ganze aktive Karriere bei einem Verein zugebracht haben (Beispiele: Hans Krankl und Herbert Prohaska).

Prominenter Unterstützer

Nicht ganz ohne Stolz bestätigt Christian Kirchengast (FAC), dass Bürgermeister Michael Ludwig nicht nur der prominenteste Anhänger des FAC ist, sondern auch, dass an einem Trainingszentrum gebaut wird. Sollte der FAC Meister werden, würde man das Abenteuer Bundesliga antreten und an einem Ausbau der Sportstätte arbeiten. Was allein die Freude trübt, ist die zu geringe Strahlkraft des FAC in Richtung Anhängerschaft.

Der Sportklub ist ein Verein mit mehreren Sektionen (es gibt zum Beispiel auch eine Schwimmer-Sektion) und man versucht, der Jugend in Hernals und Ottakring ein Angebot vor der Haustür zu bieten, erklärt Wolfgang Raml. Beim Sportklub geht man Aufstiegsvisionen nicht so forsch an, vielleicht auch, weil man in der Vergangenheit schon mehrmals kurz vor dem endgültigen Aus gestanden ist.

Frauenfußball

In Österreich schaut man mit Wehmut auf die zunehmende Popularität von Frauenfußball in den großen Ligen, zuletzt auf das „El Classico“ vor gigantischer Kulisse. Nina Burger (Vienna) beschreibt das ehrgeizige Ziel, ihr Team in den Top-3 zu positionieren (derzeit Platz 5) und vermisst die ausreichende Breite beim Nachwuchs. Sabine Eder (USC Landhaus) beschreibt den großen Aufwand, den man für den Sport investieren muss.

Dass Rapid in Sachen Frauenfußball hinterherhinkt ist offensichtlich. Projektpläne gibt es, bisher aber nur in Schubladen.

Rapid-Trainingszentrum

Es wird bemängelt, dass es in Wien zu wenig Sportplätze gibt.

Steffen Hofmann beschreibt die Trainingssituation bei Rapid, die für die anderen fast als Schlaraffenland erscheinen musste.

Die Frage, ob „Wien“ noch ein Argument ist, sich als Fußballer niederzulassen, wird überwiegend bejaht, ist doch Steffen Hofmann das beste Beispiel dafür. Und wir, die wir Steffens Laufbahn seit seinen ersten Tagen bei Rapid verfolgen, hören mit einer gewissen Bewunderung, dass Steffens Wortwahl immer mehr von eine lokalen Sprachfärbung aufweist, und dass er sich in Wien sehr wohl fühlt. Er ist einer der wenigen hier sozialisierten Deutschland-Migranten, denen das gelingt.

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